Liebe Brüder und Schwestern,
wie schon vor einiger Zeit möchte ich euch weiterhin auf dem Laufenden halten, was so alles auf meiner Reise passiert. Die Sache mit der Seeschlange habe ich euch bereits erzählt und so wisst ihr auch, dass ich seitdem tief in der Schuld eines Nachtelfen stehe. Und so wahr mir Khaz helfe, ich werde Eldurion Sternensang beschützen, egal um welchen Preis!
Nun jedenfalls verzog sich der graue Nebel, der über dem Meer lag, einige Zeit nachdem sich besagtes Ereignis zugetragen hatte und es kam tatsächlich eine leichte Brise auf, die unser Schiff vor sich her trieb. Wieder musste ich mich über diese Menschen wundern. Sie messen die Geschwindigkeit so eines Wassergefährtes nicht in Schritten pro Stunde sondern in Knoten. Leider konnte ich keinen Matrosen sehen, der Knoten in ein Seil oder Tau machte, sonst hätte ich mir das mal genauer erklären lassen.
Um den Schrecken zu verdauen, der uns doch ein wenig in den alten Knochen steckte, saßen Eldurion und ich vorne auf dem Schiff, Bug nennen sie das hier, und tranken gemütlich ein Bier zusammen, als es von oben, Mast oder so, schallte: “Laaaand in Sicht!” Sofort sprang ich auf und hätte fast etwas Bier verschüttet, um feste Erde zu sehen. Doch Pustekuchen, ich sah gar nichts. Kein Fels, keine Wiese, nicht mal ein kümmerlicher Sandstrand. Dann fiel mir ein, dass der Ausguck dort oben mit einem gnomischen Fernrohr ausgerüstet war und das Ufer so schon sehr viel früher erblicken konnte. Nach einer Weile kamen wir näher und ich erspähte einen hellen Streifen am Horizont. Je länger es dauerte, desto klarer wurde das Bild und ein weißer Sandstrand mit Palmen breitete sich vor uns aus. Im Hintergrund wuchsen Palmen und andere grüne Bäume und Sträucher, ein riesiger Wald tauchte auf.
“Heeda, Herr Zwerg”, klang es übers Deck. Der Käptn trat zu mir und meinte: “Ihr seht immer noch etwas blaß um eure Nase aus, wollt ihr vielleicht mit unseren Matrosen an Land gehen? Wir müssen unsere Wasservorräte auffüllen.” Ich blickte zu Eldurion rüber und er nickte mir zu. “Aye, wir gehen beide mit”, antwortete ich. Eldurion griff nach seinem Stab, ich schnallte mir meine Axt auf den Rücken und klemmte mir den Helm unter den Arm. Wir stiegen ins Beiboot und setzten mit einigen Matrosen über. Wir mussten ein kurzes Stück durchs Wasser waten und meine Stiefel knirschten entsprechend als wir endlich den Strand betraten. “Ah endlich wieder festen Boden unter den Füßen, Khaz sei gelobt!” “Ihr Zwerge”, grinste mich Eldurion an. “In einer Höhle kann man euch euer Leben lang lassen, ohne dass sich einer beschwert. Aber nimm einen Zwerg mit auf ein kleines Ruderboot und er wird zetern wie ein Waschweib.” Ich musste lachen, schließlich war Wasser wirklich nicht das Element der Zwerge. “Wir sind schließlich aus Stein gehauen worden. Und ein Stein verträgt sich nicht gut mit dem Wasser, oder mein Freund?” “Da hast du recht”, nickte Eldurion und wir gingen Richtung Wald. Dorthin waren auch unsere Matrosen verschwunden, die einige Fässer und Flaschen dabei hatte, die sie an einer Quelle auffüllen sollten. Wir folgten ihren Spuren und betraten den Urwald. Schon bald war der Strand nicht mehr zu sehen, so dicht standen Sträucher und Bäume zusammen.
“Dort schau mal Banghrait”, sagte Eldurion und zeigte auf eine kleine Pflanze, die direkt auf der Wurzel eines riesigen Baumes zu wachsen schien. “Unkraut, aye!” “Du Banause”, bekam ich zu hören, “Kennt bestimmt fünfzehn Sorten Stahl, aber für lebende Kreaturen kein Blick” Eldurion grummelte, grinste aber dabei. “Das ist goldener Sansam, ein sehr seltenes Kraut.” Er nestelte einen kleinen Beutel vom Gürtel, pflückte die Pflanze und verstaute sie darin. “Lass uns sehen, ob wir noch mehr finden, vielleicht brauchen wir sie irgendwann.” “Aye, du wirst schon wissen, was man damit anfangen. Obwohl, Hopfen und Malz auch was Feines wären”, grinste ich breit und half Eldurion bei der Suche. Wir gingen nebeneinander durch den Urwald, die Blicke fest auf den Boden gerichtet und suchten nach weiteren Pflanzen. Mehrfach dachte ich, etwas entdeckt zu haben, doch es war nie das Gesuchte dabei. Eldurion dagegen fand bestimmt alle fünf Minuten etwas. Naja, er war auch der Unkrautsammler von uns beiden. Nach einer Weile wollte wir zum Strand zurückkehren, um wieder an Bord zu gehen. Wir orientierten uns am Stand der Sonne, was einige Schwierigkeiten machte, da sie nur selten durch die Wipfel schien. Eldurion kannte noch einige andere Tricks, die es uns erleichterten zum Strand zu gelangen.
“Mögen sie für immer in der ewigen Esse braten…”, war mein erster Gedanke, als wir den Strand betraten. Die Spuren des Beibootes und der Matrosen waren deutlich zu erkennen. Doch sie waren nicht mehr dort. Weit in der Ferne erspähten wir die Silhouette unseres Schiffes. Sie hatten uns einfach zurückgelassen…
